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Die Ansichten von Dr. med. H.W. Müller-Wohlfahrt (ehemaliger Mannschaftsarzt des FC Bayern München) über Badminton

Badminton - Spielwitz und Inspiration

Ein besonders schneller Sport, bei dem alle Gelenke und Muskeln des menschlichen Körpers beansprucht werden: Angriff und Verteidigung, Vorwärtsdrang und Rückwärtsbewegung, Lauf und Sprung, "Smash" und "Dropshot" gehen beim Badminton ineinander über. Gegen die Gefahr einer Verletzung helfen die richtige Ausrüstung und eine gründliche Vorbereitung.

Wenn Malaysia gegen Indonesien um die Weltmeisterschaft im Badminton spielt, ist der Staatspräsident da, die Riesenhalle "kocht". Millionen Fans sitzen vor den Fernsehschirmen. Wir Europäer kennen selbst im ärgsten Fußballtaumel eine derartige Begeisterung kaum. Badminton ist eine schier endlose Kettenreaktion körperlicher Explosionen: immer wieder Sprünge, Schmetterschläge mit Kraft und Witz aus einem schier unerschöpflichen Reservoir von Kondition.

Sicher ist es die anstrengendste aller Schlagsportarten. Für mich persönlich war Badminton lange eine Randsportart - bis mich ein familiäres Schlüsselerlebnis von meinen Vorurteilen kurierte. "Papi, komm in den Garten, wir spielen Badminton!" Freunde hatten meinem Sohn Kilian zum neunten Geburtstag eine komplette Badminton-Ausrüstung geschenkt. Mit Schläger, Netz, auslegbarer Linienbanderole. Und jetzt wollte er natürlich mit mir spielen. Ich dachte: O je, Federball! Da habe ich zum letzten Mal vor 30 Jahren den Schläger in der Hand gehabt... Dieses Kaffeetanten-Spiel, bei dem die Bälle wie Fallschirme herunterschweben, nein danke!

Aber anderseits war es ein wunderschöner Sommertag. Platz und Netz waren schnell fixiert - und schon ging es los. Bereits nach wenigen Minuten hatte mich das Spiel völlig im Griff, ich fightete wie ein Besessener, war total dabei. "Ist das fetzig!" rief  mein Sohn immer wieder völlig begeistert. Das Wort "fetzig" trifft diesen Federball-Spaß genau: Man kann mit aller Kraft drauflosfetzen, aber es ist ein kontrolliertes Draufdreschen, bei dem man sich voll verausgabt - selbst als Endvierziger gegen einen Neunjährigen.
Viel höhere Schlaggeschwindigkeiten als selbst beim härtesten Tennis-Aufschlag. Seit diesem Sommertag bin ich ein überzeugter Badminton-Fan. Ich habe einen Sport für mich entdeckt, der sich geradezu heimlich - und unheimlich rasant - in die Spiellust der Menschen geschlichen hat. Ein harter Sport, der alle Gelenke und Muskeln fördert und beansprucht.
Ein besonders schneller Sport, bei dem man mit einem Schmetterball (Smash) weitaus höhere Geschwindigkeiten als beim härtesten Tennis-Aufschlag erzielt: über 300km/h. Ein läuferischer Sport, bei dem man in einem 90 Minuten-Match im statistischen Durchschnitt 7,3 km weit laufen muss - im Gegensatz zum Tennis, wo man in der gleichen Zeit nur 3,7 km zurücklegt.

Ein schöner Sport, der einfach fasziniert und völlig zu Unrecht noch manchmal belächelt wird. Badminton - das ist Spaß und Schweiß, Rasanz und Anstrengung. Sich vor Erschöpfung kaum mehr auf den Beinen halten können, um dann zu erfahren, wie - irgendwie - der Wille den schwitzeden Körper noch mal dazu bringt, den Ball übers Netz zu schmettern - oder sanft zu returnieren, den Ball zu schlenzen, ihn mit Gefühl in die freie Ecke droppen.

Wend-Uwe Bock-Behrens, Ausbilder der A-Trainer im Deutschen Badminton-Verband, hat diesen Sport in seinem Buch "Badminton heute" am besten charakterisiert: "Der Badminton-Spieler benötigt die Konzentration eines Schachspielers, die Reflexe eines Tischtennisspielers, die Schnelligkeit eines Sprinters, die Wurfkraft eines Speerwerfers, die Kraftausdauer eines Eisschnellläufers, die Ausdauer eines 1000 m-Läufers sowie Wendigkeit, Spielwitz und technisches Können ....."

Dennoch handelt es sich um ein Wettkampfspiel für alle Jahreszeiten und Altersklassen. Man kann es in der Halle, auf der Wiese, am Strand spielen. Die Ehefrau besiegt den Ehemann, der Opa den Enkel - weil bei aller Leistungsanforderung Badminton ein Sport der Inspiration, des Spielwitzes, der Taktik, der Finte ist. Man braucht nur Schläger und Ball, das "Outfit" unterliegt keinem gesellschaftlichen Reglement.

Badminton boomt: inzwischen ist Badminton in über 70 Ländern der Erde zum Volkssport geworden. An die 200 Millionen Spieler schwingen die etwa 100 Gramm schweren Schläger mit den 22 Längs- und Quersaiten. Sie "fetzen" die gefiederten Bälle, die nicht schwerer sind als ein Brief (nämlich 5g), über das 13,40 x 6,18 m große Geld: bei Duellen, in denen der Ball durchschnittlich 13,5 mal hin- und hergeht (im Tennis nur 3,5 mal).

Volkssport in Deutschland

Badminton wurde 1992 in Barcelona zum ersten Mal olympische Disziplin und ist bereits heute eine der wichtigsten Sportarten in Deutschland. Die Zahl der aktiven Badmintonspieler schnellte hierzulande auf 4,2 Millionen. Davon spielen 1,4 Millionen Menschen regelmäßig in Vereins- und kommerziellen Anlagen - mehr als bei so populären Sportarten wie Basketball, Hockey, Fechten und Rudern zusammengenommen.
Die deutschen Badminton-Spieler rangieren, zumindest von der Zahl her, deutlich vor den leistungsstärksten Badminton-Nationen China und Indonesien - und werden zahlenmäßig nur von den Russen und Dänen übertroffen.

Bei diesem Sport gehen Angriff und Verteidigung, Vorwärtsdrang und Rückwärtsbewegung, Lauf und Sprung, Smash und Dropshot ohne Bruch ineinander über.

Das ist das eigentliche Geheimnis für den beispiellosen Boom dieses Sports. Inzwischen ist Badminton auch ein mächtiger Wirtschaftsfaktor geworden: Vier Badmintonfelder passen auf einen Tennisplatz - da rüsten viele Platzherren um. Badminton hat zudem den Vorteil, von der Käfig-Situation frei zu sein.

(Aus: sportmedizinische Sicht 'Badminton aus sportmedizinischer Sicht')

Gelesen 204 mal Letzte Änderung am Samstag, 08 Juli 2017 15:21
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